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Kultur

Nr. 5-6

15. März 2017

Banater Post

„Was hat er eigentlich noch nicht ge-

macht? Die Frage ist berechtigt, denn

die Liste dessen, was Bernhard Seitz

in seinem bisherigen Leben alles er-

lebt und getan hat, ist so lang, ein-

drucksvoll und vielfältig, dass es ihm

selbst wohl nicht mehr ganz geheuer

ist.“ Mit diesen Zeilen wird ein Por-

trät eingeleitet, das das Fachmagazin

„Farbe und Lack“ in seiner April-

Ausgabe 2005 dem in dieser Branche

erfolgreichen Manager und Unter-

nehmer Bernhard Seitz gewidmet

hat. Der Titel des Beitrags, „Unbän-

dige Lust auf neue Erfahrungen“,

trifft den Nagel auf den Kopf. Seitz

war damals nämlich bereits 73 und

seit einigen Jahren in Rente, hatte

aber 2003 die Geschäftsführung sei-

ner ehemaligen Lieblingsfirma DE

REM Lacke Farben GmbH in Selbitz,

die in Schwierigkeiten geraten war,

erneut übernommen und diese auf

Erfolgskurs gebracht.

Doch damit nicht genug: In Er-

mangelung einer intelektuellen He-

rausforderung, strebte Seitz eine Pro-

motion an, auch um seinen Erfah-

rungen und Einsichten als erfolgrei-

cher Unternehmenssanierer eine

wissenschaftlich-theoretische Fun-

dierung zu geben. 2006, genau 50

Jahre nach seinem Staatsexamen als

Diplom-Ingenieur für Industrieche-

mie in Temeswar, verteidigte er an

der Technischen Universität Chem-

nitz seine Dissertation „Optimierung

der technischen Unternehmensfüh-

rung mittels gewichteter Kennzahlen

für KMU der Lackindustrie“ (KMU

steht für kleine und mittlere Unter-

nehmen). Die erworbene akademi-

sche Würde sollte nicht ohne Konse-

quenz bleiben. Die Technische Uni-

versität Sofia bot Dr.-Ing. Bernhard

Seitz eine Professur für einen in

Gründung befindlichen Lehrstuhl

an. Es folgten Habilitation mit an-

schließender Lehrtätigkeit bis 2010

und die Verleihung zweier Ehren-

doktortitel.

Anlässlich seines 75. Geburtstags

im Jahr 2007 setzte sich Seitz ein

neues ehrgeiziges Ziel: Der Welten-

bummler, der inzwischen 93 unab-

hängige Staaten dieser Erde besucht

hatte, fasste den Entschluss, auch

noch die verbliebenen 100 Länder zu

bereisen. Dieses ambitionierte Un-

terfangen zu realisieren gelingt ihm

dank generalstabsmäßiger Planung

und eiserner Disziplin bis 2015, als

er mit Afghanistan den letzten wei-

ßen Fleck auf seiner Weltkarte er-

kundete. Nur wenige Menschen dür-

fen sich damit rühmen, alle von den

Vereinten Nationen als eigenständig

anerkannte Staaten unseres Planeten

kennengelernt zu haben.

All dies und noch viel mehr ist in

Bernhard Seitz’ Autobiografie nach-

zulesen, die im vergangenen Jahr im

Wirtschafts-Verlag W.V. Suhl erschie-

nen ist. Darin blickt der Autor auf

ein erfülltes Leben, auf einen außer-

gewöhnlichen Lebensweg zurück,

der 1932 in der Banater Marktge-

meinde Tschakowa begann und bis

1969 in Rumänien, danach in

Deutschland Gestalt annahm. „Sie-

ben Leben“ hat Seitz sein Buch beti-

telt. Er habe sein Leben als so inten-

siv empfunden, mit so vielen Ereig-

nissen übersät, dass es ihm manch-

mal vorkomme, als ob er „sieben Le-

ben“ gelebt hätte, steht in der Einlei-

tung. Zudem habe er sich als Che-

mie-Ingenieur, als Top-Manager und

Unternehmer, als Forscher und aka-

demischer Lehrer, als Vollblutmusi-

ker, Sportler, Weltreisender und

Sammler in sieben Bereichen „austo-

ben“ können, wobei ein einziger Be-

reich für ein Leben vollauf genügt

hätte, so Seitz.

Wenn Bernhard Seitz die wechsel-

vollen Phasen seines Lebens in dem

470 Seiten starken Buch neu aufrollt,

über seinen beruflichen Werdegang

und seine erfolgreiche Karriere, aber

auch über seine Liebhaberbeschäfti-

gungen berichtet, gewinnt man als

Leser den Eindruck, dass man es hier

mit einem richtigen Macher-Typ zu

tun hat, mit jemandem, der vor Ideen

sprüht, immer wieder neue Heraus-

forderungen sucht, ja mitunter sogar

das Schicksal herausfordert, der sich

aber vor allem durch große Durch-

setzungskraft und die Fähigkeit zu

rationalem Handeln auszeichnet.

Bernhard Seitz bekleidete nach sei-

nem 1956 am Temeswarer Polytech-

nikum abgeschlossenen Studium

verantwortungsvolle Positionen in

zwei bedeutenden Firmen der rumä-

nischen Farben- und Lackindustrie

(„Azur“ in Temeswar und „Policolor“

in Bukarest). Dank der Hilfe eines

Jugendfreundes, der inzwischen zum

Sekretär der zentralen Auswande-

rungskommission aufgestiegen war,

gelang es Seitz bereits 1969, zusam-

men mit seiner Frau Renate und sei-

ner Tochter Inge nach Deutschland

auszusiedeln. Hier fand er beste Be-

dingungen für eine erfolgreiche Kar-

riere vor. Zwei Jahrzehnte lang war

er mit verschiedenen Management-

funktionen bei den Lackwerken

Wülfing in Wuppertal, der Unichema

in Hamburg und der ICI in Hilden

bei Düsseldorf betraut.

1989 dann der radikale Schnitt:

Seitz kündigt, da die Chemie mit der

neuer Geschäftsleitung nicht mehr

stimmte. Mit einer stattlichen Abfin-

dung bedacht, hätte sich der damals

57-Jährige zur Ruhe setzen können,

doch er stürzte sich in das Abenteuer

Selbständigkeit, das ihn in neue, un-

geahnte Höhen katapultieren sollte.

Es blieb nicht bei einer Firma, im

Laufe der Jahre kamen drei weitere

hinzu – alle in Oberfranken. Die Un-

ternehmensstrategie ging auf, die er-

griffenen Rationalisierungs- und Op-

timierungsmaßnahmen zeitigten po-

sitive Ergebnisse und die Firmen flo-

rierten. „Es gab in keiner meiner Fir-

men in keinem einzigen Jahr ein ne-

gatives Betriebsergebnis. Niemals

schrieben wir rote Zahlen“, verkün-

det Seitz nicht ohne Stolz. Er hatte

seine Berufung gefunden, die Arbeit

brachte ihm Genugtuung und mach-

te ihn wohlhabend.

Seitz lässt den Leser an seinen Er-

fahrungen und Erkenntnissen, die er

als Unternehmer gewonnen hat, teil-

haben. Er verrät sozusagen die Ge-

heimnisse seines Erfolges, vermittelt

Management-Know-how und zeigt

auf, wie Unternehmen gerettet und

in die Gewinnzone geführt werden

können. Dergestalt erweist sich das

Buch auch als Ratgeber für erfolgrei-

ches Wirtschaften.

Als Seitz 1997-1998 seine Firmen

verkauft und in den Ruhestand geht,

eröffneten sich ihm völlig neue Per-

spektiven. Angetrieben von einer

schier unbändigen Lust auf neue Er-

fahrungen und Entdeckungen und

einem nie nachlassenden Reisefieber,

setzte er sich zum Ziel, alle Ecken

und Enden der Welt zu erkunden,

um sich ein umfassendes Bild von

den „Highlights“ des Planeten Erde

zwischen Nord- und Südpol und von

den zivilisatorischen und kulturellen

Errungenschaften der Menschheit zu

verschaffen sowie letztendlich alle

193 Staaten dieser Erde kennenzu-

lernen. Für den Globetrotter begann

damit eines neues, nach eigenem Be-

kunden das aufregendste Kapitel sei-

nes Lebens, das ihm die höchste Er-

füllung brachte.

Die Reisereportagen nehmen fol-

gerichtig einen breiten Raum in dem

Buch ein, das sich mithin als ein ein-

ziger „Reise-Rausch“ darstellt. Das

sich stetig drehende Reise-Karussell

– 2011, im Rekordjahr seiner Reise-

unternehmungen, war Seitz 162 Tage

unterwegs und besuchte auf sechs

Reisen insgesamt 26 Länder – wirkt

auf den Leser mitunter ermüdend,

obwohl der Autor sichtlich bemüht

ist, sich auf das Wesentliche zu be-

schränken und die Präsentations-

form zu variieren. Die beigegebenen

Karten verorten die jeweiligen Reise-

ziele geografisch und unterstützen

die Orientierung des Lesers. Der Ver-

fasser bietet in seinen Reisebeschrei-

bungen einen einmaligen Überblick

über Geografie und Geschichte,

Wirtschaft und Kultur, Entwick-

lungsstand und Politik der verschie-

denen Länder, wobei er nicht auf das

Deskriptive beschränkt bleibt, son-

dern auch Vergangenheit und Ge-

genwart reflektiert, Zukunftsvisio-

nen entwickelt oder Lösungsansätze

für Krisen und Konflikte erarbeitet.

Im letzten Kapitel der Autobiogra-

fie, die mit einem zwölfseitigen Bild-

anhang abschließt, fasst Bernhard

Seitz seine Einsichten und seine Le-

bensphilosophie zusammen, die er

auf folgende Kurzformel bringt: „Le-

ben = Erleben“. Dass der heute 84-

Jährige das Leben in vollen Zügen

genossen hat, dass sein Leben äu-

ßerst intensiv, abwechslungsreich

und mitunter abenteuerlich war, of-

fenbart die vorliegende Publikation

auf ganzer Linie.

Walter Tonţa

Bernhard Seitz: Sieben Leben. Eine

Autobiographie. Suhl: Wirtschaftsver-

lag W.V., 2016. 473 Seiten. ISBN 978-

3-936652-30-7. Preis: 24,80 Euro.

In seiner Autobiografie gewährt Beinhard Seitz Einblicke in ein außergewöhnliches Leben

Erkenntnisseausacht Jahrzehnten