Mäzene

 


DIE, DIE DIE WELT VERÄNDERTEN: MÄZENE

Ein Mäzen ist, wenn wir, sehr sachlich, das Wörterbuch befragen, eine Person, die einen Künstler unterstützt, so dass ein bestimmtes Werk überhaupt das Licht der Welt erblicken kann.
Das aber ist eine sehr unemotionale Definition, denn unbestritten ist die Tatsache, dass es Mäzene waren, die die grössten Kunstwerke sponserten, die die Welt kennt – in der Musik, in der Malerei und in der Schriftstellerei. Ohne Mäzene gäbe es die grössten Dichter nicht, deren Werke heute zu unserem unantastbaren Kulturgut gehören und die unsere Jugend erziehen, ohne Mäzene wären bestimmte Gedanken nie geboren worden und ohne Mäzene hätte die Geschichte fraglos einen anderen Verlauf genommen.
Den Wert der Mäzene auch nur annähernd beschreiben zu wollen ist unmöglich; versuchen wir also das Unmögliche.

Der Begriff Mäzen geht zurück auf den Römer Gaius Maecenas, der im Zeitalter des Augustus (63 v. Chr. Bis 14. n. Chr.) lebte, das allgemein auch als das Goldene Zeitalter Roms bezeichnet wird.
Erinnern wir uns in gebotener Kürze: Augustus führte das Römische Weltreich einst zu seiner grössten Blüte. Seine Regierungszeit zeichnete sich aus durch einen relativen Frieden, die PAX AUGUSTA war sprichwörtlich. Vielleicht war Augustus der grösste römische Kaiser. Er duldete keine Korruption und keine unfähigen Beamten, ihm lag wirklich das Wohl des Volkes am Herzen. Er lehnte Ausschweifungen völlig ab und spendete Gelder, die gebraucht wurden, gern und oft aus seiner Privatschatulle. Er selbst lebte, obwohl ein Kaiser, in bescheidensten Verhältnissen. Seine hervorstechendsten Eigenschaften, schreibt ein Biograph, waren „Selbstbeherrschung, Geduld und ein sicheres Gespür für Menschen und Verhältnisse.“ Und weiter: „Er war … ungemein leutselig, allen gegenüber äußerst freigiebig und seinen Freunden gegenüber von unverbrüchlicher Treue.“
Weiter arbeitete er hocheffizient, immerhin hatte er ein Weltreich zu regieren. „Er ließ sich, damit es schneller ging, von mehreren Barbieren gleichzeitig das Haar schneiden und den Bart rasieren.“ Augustus empfand eine gründliche Verachtung für Zeremonien, vermied Krieg mit allen Mitteln und schuf ein vollständig neues Regierungsteam, indem er äußerst loyale und befähigte Mitarbeiter um sich scharte. Einer davon war der bereits erwähnte Maecenas, auf den wir gleich zu sprechen kommen werden. Aber vorderhand noch ein Wort zu Augustus: Er war wie gesagt ein Administrations-Genie; er ordnete das Finanzwesen neu und brachte überall Übersichtlichkeit und Ehrlichkeit ein. Er erließ Gesetze gegen Amtsmissbrauch und Ämtererschleichung und umgekehrt Gesetze, die die Ehe und kinderreiche Familien unterstützten. Er hielt die Steuern niedrig, förderte den Handel und die Industrie in großem Stil und gab allen Arbeit und Brot. Er war tolerant wie kein zweiter, auch gegen fremde Religionen, und förderte Bildhauer und Architekten, Musiker und Maler, Schriftsteller und Dichter. Um sein Mäzenatentum in die Tat umzusetzen bediente er sich eben jenes Maecenas, selbst ein reicher Römer, der ein Auge für wirkliche Talente besaß, selbst in den eigenen Geldbeutel griff, wenn es galt, Dichter zu fördern und schlussendlich förderungswerte Talente an den Kaiser weiterempfahl.
Viele Autoren des Altertums wären vollständig vergessen ohne diesen Maecenas, wir besässen nicht einmal einen Vergil, den vielleicht grössten römischen Dichter!
Halten wir uns vor Augen: das grösste schriftstellerische Kunstwerk des griechischen Altertums schuf Homer („Ilias“), das grösste schriftstellerische Kunstwerk des römischen Altertums schuf Vergil („Äneis“). Die Äneis, in deren Mittelpunkt Äneas steht, eine legendäre Figur aus dem Trojanischen Krieg, wird noch heute an humanistischen Gymnasien gelesen, aber das Werk trat bereits zu seiner Zeit einen unvergleichlichen Siegeszug an.
Der Historiker Will Durant belehrt uns: „Die römischen Schulen begannen eine neunzehnhundert Jahre währende Tradition, indem sie die Äneis auswendig lernen liessen. Plebejer und Aristokraten führten sie im Munde, Handwerker und Händler, .. Grabmäler und Wandinschriften zitierten sie, Tempelorakel verwandten sie .., es wurde zu einem Brauch, der bis bis zur Renaissance anhielt.“ Millionen, ja vielleicht Milliarden von Schülern und Erwachsenen führten ein besseres, anständigeres Leben, weil sie die Äneis gelesen hatten! Ehrfurcht vor den Eltern und Liebe zum Vaterland lehrte der Dichter, Gutes zu tun wurde „modern“. Vergil schuf ein neues Ideal, ja eine neue Kultur!
Noch einmal: ohne einen Augustus, ohne eine Maecenas wäre diese Äneis nie entstanden! Eine ganze Kultur wäre vielleicht nicht in diesem Maße existent, und dies verdanken wir allein zwei „Mäzenen“! Sie allein besaßen Weitsicht genug, den Autor der Arbeit, eben Vergil, finanziell zu unterstützen, so dass er in Ruhe dieses Mammutwerk schaffen konnte, das, wiederholen wir es, 1900 Jahre Bestand hatte!

Aber Maecenas unterstützte auch die großen römischen Dichter Horaz und Properz, die ebenfalls einige der schönsten und unvergänglichsten Werke schufen, die wir heute kennen.
Und so wurde der Name Maecenas oder Mäzen Ausdruck für die Intelligenz und Bereitschaft von Meinungsführern, über den Tag hinaus zu denken und schriftstellerische (oder künstlerische) Werke zu sponsern, von denen sie wussten, dass sie die Welt verändern würden, im positiven Sinne. Sie wussten, wenn man keine Ideale formuliert, wenn man keine neuen Horizonte eröffnet, ändert man die Welt nicht zum Besseren hin. Und was ist ein Leben wert, in dem man nichts zum Besseren hin verändert hat?!

Natürlich kennen die Jahrhunderte und Jahrtausende zahlreiche Mäzene. Besonders bekannt wurde die Familie der Medici in Florenz, besonders Cosimo („pater patriae“, der „Vater des Vaterlandes“) und Lorenzo („il Magnifico“) zeichneten sich aus. Sie förderten ebenfalls Künstler in einem Ausmass, wie es (abgesehen von Augustus und Maecenas) die Welt vorher nie gesehen hatte. Sie förderten humanistisches Schriftgut, die Bildhauer Ghiberti und Donatello, die Maler Fra Angelico und Botticelli und buchstäblich Hunderte von begabten Griffeln.
Die Medici unterstützten den grössten Bildhauer aller Zeiten, Michelangelo, sie förderten Leonardo da Vinci, den vielleicht grössten Maler, der ja auf Gottes Erdboden wandelte und immer wieder Schriftsteller und Dichter. Eine unendliche Blüte war die Folge.

Wenn man die Biographien der grössten Genies in diesen Zeiten sorgfältig studiert, so erkennt man sehr schnell, dass sie ohne ihre Mäzene, ihre Förderer und Auftraggeber, nichts gewesen wären. Sie wären in der Vergessenheit versunken, sie hätten ihre unsterblichen Kunstwerke nicht schaffen können.
Was wäre Leonardo da Vinci ohne seine Förderer in Florenz, ohne Mailands Ludovico Sforza und ohne den französischen König, der ihm am Ende seines Lebens ein ganzes Schloss zur Verfügung stellte sowie eine lebenslange Rente?
Was wäre Michelangelo ohne die Förderung der Medici, ohne die Unterstützung dreier Päpste und ohne all die Aristokraten und Fürsten, die ihre Geldbeutel öffneten?

Das gleiche Spiel wiederholte sich zu Zeiten Ludwigs XIV., des Sonnenkönigs (1638-1715), der Hunderte von Künstlern förderte, einige in den Adelsstand erhob, zahlreiche Renten verteilte, kostbare Ringe spendete, Maler unterstützte wie nie zuvor, aber auch Schriftsteller wie Moliere, der das französische Theater auf ein völlig neues Niveau hob.
Sein Beispiel machte Schule. Ein Bankier seiner Zeit (Pierre Cozat) besaß hundert Gemälde von Tizian, hundert von Veronese, zweihundert von Rubens und etwas mehr als hundert von Van Dyck.
Private Sammler, Aristokraten und die Finanzelite unterstützten Künstler und vor allem Schriftsteller plötzlich in einem nie dagewesen Ausmass.

Aber selbst unsere eigenen, vielgepriesenen Heroen, Goethe und Schiller, kamen nicht ohne Mäzene aus. Was wäre Goethe ohne seinen Herzog von Weimar, der ihm alle pekuniären Sorgen abnahm und ihn sogar finanzierte, als er jahrelang in Italien recherchierte!
Aber auch Schiller wurde unterstützt. Als er von dem preußischen Königspaar empfangen wurde, bot man ihm (über Umwege) 3000 Taler Jahresgehalt an. Der schwedische König Gustav Adolf IV. zeichnete ihn mit einem Ring für sein Werk über den Dreißigjährigen Krieg aus. Er wurde zum „Weimarischen Rath“ und “Sachsen-Meiningischen Hofrath “gekürt, ja selbst mit einem Adelspatent ausgezeichnet und mit dem Titel eines „Professor philosophiae extraordinarius“ Man wählte ihn in die Schwedische Akademie und vieles mehr. Man unterstützte diesen Schiller, obwohl er Bestseller, Theater-Bestseller, am laufenden Band produzierte, aber die wenigsten wissen, dass ein paar Bestseller gar nichts bedeuten, im Angesicht von laufenden Kosten.

Man könnte nun bis ins 21. Jahrhundert hinein Beispiele zitieren, die beweisen, dass es nur und ausschließliche Mäzene waren, denen wir unsere großen Kunstwerke verdanken, denn nur sie waren hellsichtig und intelligent genug, zu wissen, welch unendlicher Arbeitseinsatz ein wirklich großes Kunstwerk verlangt. Selbst ein Karlheinz Deschner, ein prominenter Bestsellerautor unserer Tage, listet über 60 Mäzene im Vorspann seiner Bücher auf, die ihn finanziell unterstützen, obwohl er in einem honorigen Verlag publiziert ist (Rowohlt-Verlag, Hamburg) und sich glänzend verkauft; aber das ungeheure Datenmaterial, das er zu sichten und zu recherchieren hat, erfordert Jahre-, ja jahrzehntelangen Einsatz. Für ein außerordentliches Werk ist ein Vorlauf von fünf Jahren Recherche nichts Ungewöhnliches!

Wer bezahlt das? Wer finanziert das? Interessanterweise bis heute
Mäzene! Aber genau hier lauert eine interessante Erkenntnis: Während in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden vor allem Könige und Aristokraten, Päpste und Bischöfe Mäzen spielten, ging das Geld und damit die Macht sschließlich langsam aber sicher über an Unternehmer, Wirtschaftsfürsten und Finanzleute. Das Heft des Handelns wurde weitergereicht an eine neue Geldaristokratie, wie man das nennen könnte, an kleine und große Unternehmer, an den Mittelstand und an die weltweit operierenden Firmen. Es bildeten sich neue Key Opinion Leader heraus, wie das die Wissenschaft der Public Relations nennt, sprich neue Schlüsselfiguren und Meinungsführer.
Tatsächlich sind sie es, die heute die Zukunft gestalten und neuen Ideen Raum geben.
Eine der erregendsten Erkenntnisse besteht nun darin, dass es im Laufe der Geschichte, und nun höre man gut zu! immer nur die Einzelpersönlichkeit war, die wirklich etwas Entscheidendes zur Verbesserung, Weiterentwicklung und Höherentwicklung beitrug.
Es war nie die anonyme Masse, es war stets das Individuum, das, vielleicht nur für den Bruchteil einer Weltsekunde, den Kopf aus dem Sande steckte und die überragende Bedeutung einer neuen Idee erahnte.

Erinnern wir uns in diesem Sinne auch noch einmal der Lehren der Vergangenheit:
Stets waren es auch hier Einzelpersönlichkeiten, die ein lohnenswertes, idealistisches Projekt förderten. Aber wir verfügen heute nicht mehr über einen Augustus oder einen Lorenzo il Magnifico. Wir haben keinen Sonnenkönig und keine Aristokraten mehr. Wir haben nur noch eine herausragende Spezies, die das Blatt wenden kann: Unternehmer.
Wir haben mit anderen Worten nur noch Sie.

© by Frank Fabian, 2006